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AKTUELLES

Siegermacht Deutschland

30. Juli 2005 | dokumentiert |

Redebeitrag, gehalten am 23.07.2005 auf der antifaschistischen Demonstration in Arnstadt

Jahrzehntelang weigerten sich die Deutschen beharrlich und erfolgreich, das historisch Evidente anzuerkennen: dass Massenvernichtung und Weltkrieg nicht auf das Konto einer winzigen, ultra-verbrecherischen Naziclique gehen, sondern die deutsche Bevölkerung in ihrer übergroßen Mehrzahl die Augen vor dem verschloss, was sich zwölf Jahre lang immer perfektionierter, immer perfider und immer brutaler in industriell geschaffener Grausamkeit vor ihrer eigenen Haustür ereignete. Als Opportunisten waren sie sogar selbst Aktivisten des Nationalsozialismus – willige Vollstrecker, die bis zum Ende ihren Dienst erfüllten: denunzieren, attackieren, deportieren, bewachen, erschießen, vernichten, Munition drehen, Landser gesund pflegen, dem Führer Kinder schenken, nie das obligatorische „Heil Hitler“ vergessen usw.

Je aussichtsloser der Krieg wurde, je mehr dem „kleinen Mann“ deutlich werden musste, dass alles, an was er glaubte, purer Wahnwitz ist, desto mehr klammerte es sich in diesem Wahn an das alte System. Das war ihnen geboten, weil sie gute Volksgenossen sein wollten. „Deutschland dienen“ – das lernten sie als Patrioten unter Wilhelm und das war auch ihr Selbstverständnis als treue Staatsbürger in der Weimarer Demokratie. Zuletzt kämpften im Volkssturm Kinder, Greise und Invalide für diese Idee des Nationalen – für Führer und Vaterland.

“Genießt den Krieg, der Friede wird fürchterlich“ war die Parole der letzten Kriegsmonate, die schon die Gewissheit beinhaltete, dass Deutschland den Krieg verlieren wird und das nationale Projekt an die Wand läuft. Das Unbegreifliche an diesem Frieden war für die nun führerlosen Volksgenossen nicht die Frage, warum das alles überhaupt geschehen konnte, sondern warum Deutschland und die Deutschen damit scheiterten. Gegenüber den Siegermächten geriet man in eine fürchterliche Erklärungsnot. Wie sollte man das deutsche Projekt fortsetzen, ohne es sofort an seiner eigenen Vergangenheit zu blamieren? Für dreiste Lügner kein Problem: so hieß es fortan, die Deutschen seien von den Nazis selbst übermannt und die ersten Opfer des Faschismus geworden. Der Nationalsozialismus muss demnach ein Ein-Mann-Projekt gewesen sein. Niemand wusste von etwas, niemand ahnte von den unbegreiflichen Verbrechen – und das, obwohl der Judenmord das nationale Projekt der Deutschen wurde, das sie mit äußerster Akribie und enormen Ressourcenaufwand betrieben. Indem die Verantwortung dafür einen winzigen Funktionärskreis zugeschanzt wurde, erlag das Reden über den Nationalsozialismus alsbald.

Die neue Bundesrepublik wurde in die kulturelle Tradition von Goethe und Schiller gestellt und sollte politisch an die Weimarer Republik anknüpfen. Die BRD sah sich als die demokratische Antwort auf den Faschismus, in diesem Sinne auch und bewusst als antifaschistisch. Damit konnte die BRD als Staat die Diskussion um seinen Vorgänger lange Zeit umgehen, obwohl zugleich viele ehemalige Funktionsträger eine zweite Karriere in Politik, Justiz und Verwaltung beginnen konnten. Individuell wehrten die Deutschen die Aufarbeitung der Vergangenheit ab, indem sie wieder darauf hinwiesen, von nichts gewusst zu haben. Niemand kannte die aberwitzigen Pläne Hitlers, niemand hat je von einem „KZ“ gehört – und wer irgendwie doch den Mund aufmachte und Widerstand leisten wollte, lief Gefahr, selbst ins KZ zu kommen. Diese absurde Logik erfüllte lange Zeit ihren Zweck – und dieser Zweck heißt: Revanchismus.

Während jede Forderung nach Wiedergutmachung, Rechtfertigung, oder auch nur Erklärung abgeschmettert wurde, konnte die Bundesrepublik völlig unverdächtig agieren – etwa innerhalb eines imperialistischen Staatenbundes, der NATO, und später der EU. In ersterer betreibt sie selbst eine imperialistische Politik, in der zweiten spielt sie bereits die erste Geige und versucht sich nun in der Politik „auf Augenhöhe“ mit den USA. Zugleich konnten lange Zeit Ansprüche auf Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie aufrecht erhalten werden, wurde auf Entschädigung für so genannte „Vertriebene“ gedrängt und die „Heimholung“ der DDR vorbereitet. Sogar das Münchner Abkommen blieb bis in die 70’er Jahre hinein ein gültiges Rechtsdokument.

Offenbar hat sich Deutschland gewandelt: es versucht keine Alleingänge mehr, keinen weiteren „Sonderweg“. Es war demokratisiert worden – und die Demokratie, das lernt jedes Kind in der Schule, ist schließlich „antitotalitär“, ergo Garant dafür, dass es mit dem Faschismus auf alle Zeiten zu Ende ist. Der Massenwohlstand der jungen BRD führte auch zu dem Gedanken, ob der Kriegsverlust tatsächlich so tragisch war, wie befürchtet – man hatte ja aus ihm profitiert, auch wenn niemand so recht eingestehen will, dass es da einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen Volkswohlstand und Massenvernichtung gibt. Ohne Shoah kein „Wirtschaftswunder“. Die Deutschen haben wahrlich „aus Asche Gold“ gemacht; das Leugnen trug Früchte. Das Prinzip der Tabuisierung der NS-Vergangenheit funktionierte eine ganze Zeit prima. Erst die 68’er stellten Fragen. Das lag nicht nur an der allgemeinen Protestpose gegen die „Erlebnisgeneration“, sondern auch der Infragestellung staatsbürgerlicher Gewissheiten. Diese Gewissheit ist der Nationalismus, den Faschisten und Demokraten zugleich in Anspruch nehmen. Für einen guten Nationalisten, Patrioten, Staatsbürger oder wie immer man diese Sorte Alltagsideologen bezeichnen möchte, ist es natürlich ein verwerflicher Affront, das eigene Land mit dem Verweis auf dessen Vergangenheit schlecht zu machen.

Wie sich heute zeigt, behielten die 68’er den längeren Atem und sind die besseren Deutschen als fanatische Alt- und Jungfaschisten. Nachdem die liberale Geschichtsforschung populär wurde, nachdem die Medien die Vergangenheit für sich entdeckten, nachdem den Deutschen irgendwann in den 80’er Jahren das Wort „Holocaust“ geläufig wurde, war mit der schlichten Leugnung deutscher Verbrechen kein Blumentopf mehr zu gewinnen – zumal das oberste Ziel revanchistischer Politik, die Einverleibung der DDR, noch nicht erfüllt wurde. Noch immer gab es ein hin und wieder kritisches Ausland. Das erforderte einen Paradigmenwechsel weg von einer offenen, als „Katastrophenpolitik“ empfundenen Rhetorik. Außenminister Kinkel prägte den Spruch: „Ein drittes Mal wird uns das nicht passieren“. Diesmal wurde auf Diplomatie gesetzt – und gewonnen, und zwar Souveränität und Normalität. Mit der Heimholung der DDR und dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Osteuropa waren praktisch alle Kriegsergebnisse zu deutschen Gunsten revidiert, und das ganz ohne neuen Krieg.

Es sollte sich zeigen, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht nur als Legitimation fungierte, sondern sogar identitätsstiftend wirkte. Der deutsche NATO-Sezessionskrieg gegen Jugoslawien wurde 1999 geführt, weil Deutschland sich berufen sah, ein „zweites Auschwitz“ zu verhindern. War die deutsche Vergangenheit lange ein Klotz am Bein des wieder erstarkenden Deutschlands, bringt die Beschäftigung mit ihr nun einen moralischen Mehrwert. Es genügt, irgendwo auf der Welt einen zweiten Hitler auszumachen, um dann irgendwo einzumarschieren und ganz nebenbei eigene Interessen zu sichern – egal ob in Jugoslawien oder Somalia. Gerade wegen der Aufarbeitung mit der Vergangenheit, also gerade wegen Auschwitz fühlt sich Deutschland zum „global player“ berufen. Joseph Fischer besaß die Chuzpe, diese Taktik sogar als antifaschistisch zu bezeichnen.

Damit war ein Label gefunden, das dem modernen Deutschland gefiel: das einer geläuterten Nation, die aus ihren Erfahrungen und Fehlern gelernt hat. Hartgesottene Revisionisten fühlen sich heute dadurch zurecht irritiert, denn Deutschland hat die Kriegsschuld angenommen, zeigt sich symbolisch büßerisch und giert nicht nach „Raum im Osten“ oder Elsass-Lothringen. Der 8. Mai 2005 – der 60. Jahrestag des Endes der Nazidiktatur – wurde staatlicherseits sogar als „Tag der Befreiung“ begangen. Bis vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen. Damit sind im Übrigen alle einst linken Forderungen Staatsraison geworden. Die Linke ist am 8. Mai sogar gemeinsam mit der Polizei gegen anachronistische Nestbeschmutzer auf die Straße gegangen, während sich die BRD als „Aufarbeitungsweltmeister“ auf ihrem „Fest der Demokratie“ selbst zelebrieren konnte.

Nicht nur Faschisten, auch aufrechte Demokraten sind zurecht verwirrt: in ihrer Selbstverständlichkeit, nationalistisch zu sein, verstehen sie es nicht, wie das damit in Einklang zu bringen ist, dass man sich schämt, die eigenen Vorfahren beschimpft und die „Dauerrepräsentation unserer Schande“ betreibt, wie es Martin Walser einst bezeichnete. Sie bevorzugen den Schlussstrich. Doch die politische Klasse besteht aus Pragmatikern. Auf ein „antifaschistisches Deutschland“ kann man viel unverkrampfter und unwidersprochener stolz sein. Natürlich wollen Faschisten und Demokraten auch hier dasselbe: „alles für Deutschland“. Der Erfolg gibt aber den Demokraten Recht: sie können ihre Forderung nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat offen vortragen und ihren würdigen Platz in der Weltordnung einfordern. Natürlich nicht im Alleingang, sondern an der Spitze der EU.

Die Schuld ist also anerkannt, die Täter bestraft und jede Verbindung zur Vergangenheit gekappt. Das Selbstverständnis der Nation hat sich normalisiert, weil Auschwitz zur deutschen Identität gehört. No holocaust – no Germans. Auschwitz ist das Gründungsverbrechen des postnazistischen Deutschlands. Die vergangenen Jahrestage zelebrierte Deutschland an der Seite der Siegermächte und die außenpolitischen Erfolge lassen den Verdacht aufkommen, dass Deutschland 60 Jahre danach doch noch gesiegt hat. Den Krieg verloren und wenigstens den Nachkrieg gewonnen, nachdem sich herausstellte, dass diese zwölf „dunklen Jahre“ mehr als imageschädigend waren. Die sind jetzt, wenn auch auf umständlichen Wegen, abgewickelt und abgehakt. Das ist mehr, als sich die harten Revisionisten je erhoffen konnten. Ihre demokratischen Parteigänger brachten ihr Projekt auf neuen Erfolgskurs.

Die Normalisierung ist so weit fortgeschritten, dass sich Deutschland ohne weiteres erlauben kann, auch auf „fremde Schuld“ hinzuweisen. In einer Feierstunde im sächsischen Landtag wurde Anfang des Jahres nicht nur den Opfern des Faschismus, insbesondere der im KZ ermordeten Menschen gedacht – sondern auch den „deutschen Opfern“. Der Fokus wurde ganz unverhohlen auf die britische und amerikanische Schuld am so genannten „Bombenterror“ gelenkt. Zwar führte die NPD-Vokabel vom „Bombenholocaust“ zu einem kleinen Skandal. Skandalöserweise war aber das Anliegen, angeblichen deutschen Opfern per Staatsakt zu gedenken, überhaupt erst die Steilvorlage an die Nazis. Es liegt in beidseitigem Interesse, eigene Schuld durch fremde aufzuwiegen. Die Logik lautet: wenn Deutschland aufgearbeitet hat, sollten das erst mal alle anderen Nationen auch tun, bevor sie weiter den Zeigefinger gegen Deutschland richten. Deutschland sei nicht mehr in der Bringschuld, sondern von allen moralischen Vorbehalten befreit und über jeden Verdacht, böses im Schilde zu führen, erhaben.

Der Zweck all dessen? Man will wieder stolz sein auf Deutschland. Und man darf längst wieder, und zwar ohne sich rechtfertigen zu müssen. Das ist aber nicht das Werk böser Faschisten, die das Vierte Reich errichten wollen, sondern von ganz ordinären Demokraten. Das sagt schon sehr viel über die Demokratie aus. Für uns als Antifaschisten ist das ein Grund, nicht in die Falle zu tappen, mit der „guten Demokratie“ gegen böse Nazis ins Feld zu ziehen. Ein demokratisches Deutschland erfüllt den nationalen Zweck sechzig Jahre danach sogar viel effektiver als es Neofaschisten heute könnten. Beide, Faschisten und Demokraten, bleiben zwei Parteien eines Lagers – der bürgerlichen Gesellschaft. Auf die würden wir gern als Ganzes verzichten, anstatt für ein Deutschland ohne Nazis zu kämpfen.

3 Kommentare

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