rencontre | contre la réalité http://rencontre.blogsport.de Wed, 28 Sep 2005 21:40:52 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Rencontre macht dicht! http://rencontre.blogsport.de/2005/09/28/rencontre-macht-dicht/ http://rencontre.blogsport.de/2005/09/28/rencontre-macht-dicht/#comments Wed, 28 Sep 2005 21:40:52 +0000 Administrator allgemein http://rencontre.blogsport.de/2005/09/28/rencontre-macht-dicht/ …dauerhaft, und es wird kein Nachfolgeblog geben. Diesmal also kein Umzug auf einen anderen Server (es wäre das dritte Mal), sondern ein dauerhafter Abschied aus der Blogosphäre. Meine Motivation, das auf Krampf weiter zu betreiben, tendiert gegen null; sorry. Wir lesen uns woanders!

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Siegermacht Deutschland http://rencontre.blogsport.de/2005/07/30/siegermacht-deutschland/ http://rencontre.blogsport.de/2005/07/30/siegermacht-deutschland/#comments Sat, 30 Jul 2005 14:59:59 +0000 Administrator dokumentiert http://rencontre.blogsport.de/2005/07/30/siegermacht-deutschland/ Redebeitrag, gehalten am 23.07.2005 auf der antifaschistischen Demonstration in Arnstadt

Jahrzehntelang weigerten sich die Deutschen beharrlich und erfolgreich, das historisch Evidente anzuerkennen: dass Massenvernichtung und Weltkrieg nicht auf das Konto einer winzigen, ultra-verbrecherischen Naziclique gehen, sondern die deutsche Bevölkerung in ihrer übergroßen Mehrzahl die Augen vor dem verschloss, was sich zwölf Jahre lang immer perfektionierter, immer perfider und immer brutaler in industriell geschaffener Grausamkeit vor ihrer eigenen Haustür ereignete. Als Opportunisten waren sie sogar selbst Aktivisten des Nationalsozialismus – willige Vollstrecker, die bis zum Ende ihren Dienst erfüllten: denunzieren, attackieren, deportieren, bewachen, erschießen, vernichten, Munition drehen, Landser gesund pflegen, dem Führer Kinder schenken, nie das obligatorische „Heil Hitler“ vergessen usw.

Je aussichtsloser der Krieg wurde, je mehr dem „kleinen Mann“ deutlich werden musste, dass alles, an was er glaubte, purer Wahnwitz ist, desto mehr klammerte es sich in diesem Wahn an das alte System. Das war ihnen geboten, weil sie gute Volksgenossen sein wollten. „Deutschland dienen“ – das lernten sie als Patrioten unter Wilhelm und das war auch ihr Selbstverständnis als treue Staatsbürger in der Weimarer Demokratie. Zuletzt kämpften im Volkssturm Kinder, Greise und Invalide für diese Idee des Nationalen – für Führer und Vaterland.

“Genießt den Krieg, der Friede wird fürchterlich“ war die Parole der letzten Kriegsmonate, die schon die Gewissheit beinhaltete, dass Deutschland den Krieg verlieren wird und das nationale Projekt an die Wand läuft. Das Unbegreifliche an diesem Frieden war für die nun führerlosen Volksgenossen nicht die Frage, warum das alles überhaupt geschehen konnte, sondern warum Deutschland und die Deutschen damit scheiterten. Gegenüber den Siegermächten geriet man in eine fürchterliche Erklärungsnot. Wie sollte man das deutsche Projekt fortsetzen, ohne es sofort an seiner eigenen Vergangenheit zu blamieren? Für dreiste Lügner kein Problem: so hieß es fortan, die Deutschen seien von den Nazis selbst übermannt und die ersten Opfer des Faschismus geworden. Der Nationalsozialismus muss demnach ein Ein-Mann-Projekt gewesen sein. Niemand wusste von etwas, niemand ahnte von den unbegreiflichen Verbrechen – und das, obwohl der Judenmord das nationale Projekt der Deutschen wurde, das sie mit äußerster Akribie und enormen Ressourcenaufwand betrieben. Indem die Verantwortung dafür einen winzigen Funktionärskreis zugeschanzt wurde, erlag das Reden über den Nationalsozialismus alsbald.

Die neue Bundesrepublik wurde in die kulturelle Tradition von Goethe und Schiller gestellt und sollte politisch an die Weimarer Republik anknüpfen. Die BRD sah sich als die demokratische Antwort auf den Faschismus, in diesem Sinne auch und bewusst als antifaschistisch. Damit konnte die BRD als Staat die Diskussion um seinen Vorgänger lange Zeit umgehen, obwohl zugleich viele ehemalige Funktionsträger eine zweite Karriere in Politik, Justiz und Verwaltung beginnen konnten. Individuell wehrten die Deutschen die Aufarbeitung der Vergangenheit ab, indem sie wieder darauf hinwiesen, von nichts gewusst zu haben. Niemand kannte die aberwitzigen Pläne Hitlers, niemand hat je von einem „KZ“ gehört – und wer irgendwie doch den Mund aufmachte und Widerstand leisten wollte, lief Gefahr, selbst ins KZ zu kommen. Diese absurde Logik erfüllte lange Zeit ihren Zweck – und dieser Zweck heißt: Revanchismus.

Während jede Forderung nach Wiedergutmachung, Rechtfertigung, oder auch nur Erklärung abgeschmettert wurde, konnte die Bundesrepublik völlig unverdächtig agieren – etwa innerhalb eines imperialistischen Staatenbundes, der NATO, und später der EU. In ersterer betreibt sie selbst eine imperialistische Politik, in der zweiten spielt sie bereits die erste Geige und versucht sich nun in der Politik „auf Augenhöhe“ mit den USA. Zugleich konnten lange Zeit Ansprüche auf Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie aufrecht erhalten werden, wurde auf Entschädigung für so genannte „Vertriebene“ gedrängt und die „Heimholung“ der DDR vorbereitet. Sogar das Münchner Abkommen blieb bis in die 70’er Jahre hinein ein gültiges Rechtsdokument.

Offenbar hat sich Deutschland gewandelt: es versucht keine Alleingänge mehr, keinen weiteren „Sonderweg“. Es war demokratisiert worden – und die Demokratie, das lernt jedes Kind in der Schule, ist schließlich „antitotalitär“, ergo Garant dafür, dass es mit dem Faschismus auf alle Zeiten zu Ende ist. Der Massenwohlstand der jungen BRD führte auch zu dem Gedanken, ob der Kriegsverlust tatsächlich so tragisch war, wie befürchtet – man hatte ja aus ihm profitiert, auch wenn niemand so recht eingestehen will, dass es da einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen Volkswohlstand und Massenvernichtung gibt. Ohne Shoah kein „Wirtschaftswunder“. Die Deutschen haben wahrlich „aus Asche Gold“ gemacht; das Leugnen trug Früchte. Das Prinzip der Tabuisierung der NS-Vergangenheit funktionierte eine ganze Zeit prima. Erst die 68’er stellten Fragen. Das lag nicht nur an der allgemeinen Protestpose gegen die „Erlebnisgeneration“, sondern auch der Infragestellung staatsbürgerlicher Gewissheiten. Diese Gewissheit ist der Nationalismus, den Faschisten und Demokraten zugleich in Anspruch nehmen. Für einen guten Nationalisten, Patrioten, Staatsbürger oder wie immer man diese Sorte Alltagsideologen bezeichnen möchte, ist es natürlich ein verwerflicher Affront, das eigene Land mit dem Verweis auf dessen Vergangenheit schlecht zu machen.

Wie sich heute zeigt, behielten die 68’er den längeren Atem und sind die besseren Deutschen als fanatische Alt- und Jungfaschisten. Nachdem die liberale Geschichtsforschung populär wurde, nachdem die Medien die Vergangenheit für sich entdeckten, nachdem den Deutschen irgendwann in den 80’er Jahren das Wort „Holocaust“ geläufig wurde, war mit der schlichten Leugnung deutscher Verbrechen kein Blumentopf mehr zu gewinnen – zumal das oberste Ziel revanchistischer Politik, die Einverleibung der DDR, noch nicht erfüllt wurde. Noch immer gab es ein hin und wieder kritisches Ausland. Das erforderte einen Paradigmenwechsel weg von einer offenen, als „Katastrophenpolitik“ empfundenen Rhetorik. Außenminister Kinkel prägte den Spruch: „Ein drittes Mal wird uns das nicht passieren“. Diesmal wurde auf Diplomatie gesetzt – und gewonnen, und zwar Souveränität und Normalität. Mit der Heimholung der DDR und dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Osteuropa waren praktisch alle Kriegsergebnisse zu deutschen Gunsten revidiert, und das ganz ohne neuen Krieg.

Es sollte sich zeigen, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht nur als Legitimation fungierte, sondern sogar identitätsstiftend wirkte. Der deutsche NATO-Sezessionskrieg gegen Jugoslawien wurde 1999 geführt, weil Deutschland sich berufen sah, ein „zweites Auschwitz“ zu verhindern. War die deutsche Vergangenheit lange ein Klotz am Bein des wieder erstarkenden Deutschlands, bringt die Beschäftigung mit ihr nun einen moralischen Mehrwert. Es genügt, irgendwo auf der Welt einen zweiten Hitler auszumachen, um dann irgendwo einzumarschieren und ganz nebenbei eigene Interessen zu sichern – egal ob in Jugoslawien oder Somalia. Gerade wegen der Aufarbeitung mit der Vergangenheit, also gerade wegen Auschwitz fühlt sich Deutschland zum „global player“ berufen. Joseph Fischer besaß die Chuzpe, diese Taktik sogar als antifaschistisch zu bezeichnen.

Damit war ein Label gefunden, das dem modernen Deutschland gefiel: das einer geläuterten Nation, die aus ihren Erfahrungen und Fehlern gelernt hat. Hartgesottene Revisionisten fühlen sich heute dadurch zurecht irritiert, denn Deutschland hat die Kriegsschuld angenommen, zeigt sich symbolisch büßerisch und giert nicht nach „Raum im Osten“ oder Elsass-Lothringen. Der 8. Mai 2005 – der 60. Jahrestag des Endes der Nazidiktatur – wurde staatlicherseits sogar als „Tag der Befreiung“ begangen. Bis vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen. Damit sind im Übrigen alle einst linken Forderungen Staatsraison geworden. Die Linke ist am 8. Mai sogar gemeinsam mit der Polizei gegen anachronistische Nestbeschmutzer auf die Straße gegangen, während sich die BRD als „Aufarbeitungsweltmeister“ auf ihrem „Fest der Demokratie“ selbst zelebrieren konnte.

Nicht nur Faschisten, auch aufrechte Demokraten sind zurecht verwirrt: in ihrer Selbstverständlichkeit, nationalistisch zu sein, verstehen sie es nicht, wie das damit in Einklang zu bringen ist, dass man sich schämt, die eigenen Vorfahren beschimpft und die „Dauerrepräsentation unserer Schande“ betreibt, wie es Martin Walser einst bezeichnete. Sie bevorzugen den Schlussstrich. Doch die politische Klasse besteht aus Pragmatikern. Auf ein „antifaschistisches Deutschland“ kann man viel unverkrampfter und unwidersprochener stolz sein. Natürlich wollen Faschisten und Demokraten auch hier dasselbe: „alles für Deutschland“. Der Erfolg gibt aber den Demokraten Recht: sie können ihre Forderung nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat offen vortragen und ihren würdigen Platz in der Weltordnung einfordern. Natürlich nicht im Alleingang, sondern an der Spitze der EU.

Die Schuld ist also anerkannt, die Täter bestraft und jede Verbindung zur Vergangenheit gekappt. Das Selbstverständnis der Nation hat sich normalisiert, weil Auschwitz zur deutschen Identität gehört. No holocaust – no Germans. Auschwitz ist das Gründungsverbrechen des postnazistischen Deutschlands. Die vergangenen Jahrestage zelebrierte Deutschland an der Seite der Siegermächte und die außenpolitischen Erfolge lassen den Verdacht aufkommen, dass Deutschland 60 Jahre danach doch noch gesiegt hat. Den Krieg verloren und wenigstens den Nachkrieg gewonnen, nachdem sich herausstellte, dass diese zwölf „dunklen Jahre“ mehr als imageschädigend waren. Die sind jetzt, wenn auch auf umständlichen Wegen, abgewickelt und abgehakt. Das ist mehr, als sich die harten Revisionisten je erhoffen konnten. Ihre demokratischen Parteigänger brachten ihr Projekt auf neuen Erfolgskurs.

Die Normalisierung ist so weit fortgeschritten, dass sich Deutschland ohne weiteres erlauben kann, auch auf „fremde Schuld“ hinzuweisen. In einer Feierstunde im sächsischen Landtag wurde Anfang des Jahres nicht nur den Opfern des Faschismus, insbesondere der im KZ ermordeten Menschen gedacht – sondern auch den „deutschen Opfern“. Der Fokus wurde ganz unverhohlen auf die britische und amerikanische Schuld am so genannten „Bombenterror“ gelenkt. Zwar führte die NPD-Vokabel vom „Bombenholocaust“ zu einem kleinen Skandal. Skandalöserweise war aber das Anliegen, angeblichen deutschen Opfern per Staatsakt zu gedenken, überhaupt erst die Steilvorlage an die Nazis. Es liegt in beidseitigem Interesse, eigene Schuld durch fremde aufzuwiegen. Die Logik lautet: wenn Deutschland aufgearbeitet hat, sollten das erst mal alle anderen Nationen auch tun, bevor sie weiter den Zeigefinger gegen Deutschland richten. Deutschland sei nicht mehr in der Bringschuld, sondern von allen moralischen Vorbehalten befreit und über jeden Verdacht, böses im Schilde zu führen, erhaben.

Der Zweck all dessen? Man will wieder stolz sein auf Deutschland. Und man darf längst wieder, und zwar ohne sich rechtfertigen zu müssen. Das ist aber nicht das Werk böser Faschisten, die das Vierte Reich errichten wollen, sondern von ganz ordinären Demokraten. Das sagt schon sehr viel über die Demokratie aus. Für uns als Antifaschisten ist das ein Grund, nicht in die Falle zu tappen, mit der „guten Demokratie“ gegen böse Nazis ins Feld zu ziehen. Ein demokratisches Deutschland erfüllt den nationalen Zweck sechzig Jahre danach sogar viel effektiver als es Neofaschisten heute könnten. Beide, Faschisten und Demokraten, bleiben zwei Parteien eines Lagers – der bürgerlichen Gesellschaft. Auf die würden wir gern als Ganzes verzichten, anstatt für ein Deutschland ohne Nazis zu kämpfen.

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Aufruf zur Antifa-Demonstration am 23.07. in Arnstadt http://rencontre.blogsport.de/2005/06/28/aufruf-zur-antifa-demonstration-am-2307-in-arnstadt/ http://rencontre.blogsport.de/2005/06/28/aufruf-zur-antifa-demonstration-am-2307-in-arnstadt/#comments Tue, 28 Jun 2005 16:40:29 +0000 Administrator praxis http://rencontre.blogsport.de/2005/06/28/aufruf-zur-antifa-demonstration-am-2307-in-arnstadt/ No place to hide. Den rechten Vormarsch stoppen – Nazistrukturen aushebeln! 23.07.05 / Arnstadt / 14:00 Uhr / Hauptbahnhof

Eine thüringische Provinz und ihre urdeutschen Traditionen

Das thüringische Arnstadt mit seinen 28 .000 EinwohnerInnen, gelegen in der Nähe von Erfurt, firmiert mit seiner nunmehr über 1300-jährigen Geschichte als die „älteste Stadt Mittel- und Ostdeutschlands“. Die Kleinstadt in der provinziellen Einöde gilt als Hort deutscher Kultur; hier weilte einst Johann Sebastian Bach, dem man auf dem Marktplatz ein bronzenes Denkmal schuf. Dem eigenen Provinzstolz huldigte mensch im vergangenen Jahr mit einer Jubiläumsfeier zum 1300-jährigen Bestehen. In einem großen Umzug wurden alle erdenklichen, längst vergangenen Epochen dargestellt in ihrer vollen Pracht und Idylle und ihrer Bedeutung für die kulturhistorische Entwicklung Arnstadts. Stellvertretend für die Zeit der Weimarer Republik fuhr ein Wehrmachts-Kübelwagen auf und auch der Abzug der sowjetischen „Besatzungstruppen“ fand eine entsprechende Würdigung.

Bei so viel Kultur und Tradition, die in Arnstadt steckt, ist wenig Platz für Moderne. Die ArnstädterInnen jedenfalls lassen auf ihre ostzonale Kleinstadtidylle nichts kommen. Nicht umsonst unterhielt die als rechtsextrem eingestufte „Deutsche Volksunion“ (DVU) in dieser beschaulichen Stadt ihre Landeszentrale – ungestört, seit über 12 Jahren. Unbehelligt tagte 2001 – wohl nicht umsonst an einem 9. November – der thüringische Landesverband des „Bundes des Vertriebenen“ (BdV), in dessen Verlauf ihr Landeschef, Paul Latussek, die Opferzahlen in Auschwitz als „Lügen“ bezeichnete und damit die Shoah relativierte. Ein Jahr zuvor, am 28.10.2000, belagerten 200 Nazis das AsylbewerberInnenheim, nachdem sie schon Tage zuvor drohten, selbiges in Brand zu setzen, tagelang Jagd auf MigrantInnen machten und sich eine regelrechte Pogromstimmung entwickelte.

Nichts reichte bisher zum Skandal – ob rechtsextreme Aufmärsche wie dem Rudolf-Hessmarsch und dem NPD-Deutschlandtreffen mit weit über Tausend Teilnehmerinnen Anfang der 90er Jahre oder die Ermordung des Parkwächters Karl Sidon durch fünf Neo-Nazis am 18. Januar 1993 in Arnstadt. Eine Vielzahl von Übergriffen gegen Jugendliche, MigrantInnen und Andersdenkende ereignete sich im Laufe der Jahre, oft wurden die TäterInnen durch rechtsextreme Konzerte gerade zu aufgestachelt, welche besonders im Ilmkreis immer mehr an Beliebtheit erfuhren. So läuteten die Ausschreitungen auf einem Konzert mit über 150 Neo-Nazis im Jahr 2001 eine Reihe rechter Musikveranstaltungen ein, die nicht nur auf bundesweites Interesse stießen, sondern auch Neofaschisten aus dem Ausland anlockten. Beispielsweise bei einem rechten Open-Air-Konzert im August 2003 mit 320 Neo-Nazis oder wenige Monate später, am 25. Dezember mit 350 Neo-Nazis – mitten in der Arnstädter Innenstadt. Im Jahr 2004 fanden unter anderem binnen zwanzig Tagen zwei Konzerte mit insgesamt 400-500 TeilnehmerInnen statt, wobei eine Veranstaltung aufgelöst werden konnte.

Inzwischen existiert im nahe gelegenen Ilmenau nicht nur ein Tonstudio, das zusammen mit Neo-Nazis aus dem Umfeld des verbotenen Blood & Honour-Netzwerkes Tonträger für so genannte „NS-Black-Metal“ Musik produziert, sondern auch ein ganzer Naziladen, in dem neben knapp einhundert verschiedenen Thor-Steinar-Artikeln, auch Reichskriegsflaggen, Waffen und eine große Palette an Textilien sowie Accessoires aus der rechten Szene zum Verkauf angeboten werden. In Arnstadt selbst verfügen Rechtsextremisten inzwischen über ein eigenes Kampfsport-Studio, in dem einschlägig bekannte Schläger aus Nazikreisen geschult werden. Weiterhin etablierte sich eine rechtsextreme Graffiti-Szene, die durch NS-Karikaturen, überdimensionale Hakenkreuze und Schriftzüge á la „Combat 18“ (Kampf für Adolf Hitler“) oder „Steckt die Nigger ins KZ“ mehrfach in Erscheinung trat. In den letzten Monaten hat sich noch dazu eine militante „Kameradschaft Ilmkreis“ gegründet, die vom Arnstädter Neonazi-Kader Sven Geyer maßgeblich aufgebaut wurde. AktivistInnen aus dem Umfeld der Kameradschaft, welche seit Mai 2005 auch unter dem Namen „Mitteldeutscher Kampfbund“ auftrat, sind verantwortlich für eine Reihe von Propagandaaktionen, neofaschistischen Informations- und Protestveranstaltungen, sowie etlichen Angriffen und Überfällen in Arnstadt und Umgebung. Jener Zusammenschluss verteilte außerdem mehrfach ungestört geschichtsrevisionistische Publikationen unter dem fiktiven Namen „Gegen das Vergessen“ und produziert seit zwei Jahren eine rechtsextreme Zeitschrift mit dem Namen „Ilmkreis National“, die unter anderem bei einem Vernetzungstreffen Thüringer Rechtsextremisten Ende 2004 in Sondershausen und bei einem europaweiten Neonazi-Treffen im Juni 2005 als Unterstützer mit eigenem Informationsstand auftrat. Lokale Neo-Nazis pflegen derweilen gute Kontakte zu anderen rechtsextremen Zusammenschlüssen: So trat ein hiesiger Nazikader Anfang 2005 als Autor in einem rechtsradikalen Magazin aus Eisenach auf, während andere Rechtsextremisten aus Arnstadt diverse Demonstrationen und Veranstaltungen in Mittel und Südthüringen unterstützen und teilweise als Ordner fungierten, wie zum Beispiel am 21. Mai 2005 im nahe gelegenen Ohrdruf, in dem vor zwei Jahren ein Sprengstofflabor von Neo-Nazis ausgehoben wurde.

Wider die Reproduktion des Pirnaer Modells

In Arnstadt und Umgebung haben sich, das zeigen die Geschehnisse der letzten Wochen und Monate eindrücklich, Zustände herausgebildet, die denen in Ostsachen, insbesondere der Sächsischen Schweiz, nicht unähnlich sind: eine vitale Nazibewegung, die von einem Großteil der Bevölkerung erst gar nicht als solche wahrgenommen sondern eher noch toleriert wird. Dadurch ergibt sich nicht nur ein konkretes und dauerhaft beständiges Bedrohungsszenario für Menschen mit migrantischem Hintergrund oder subkulturellen Interessen; auch eine antifaschistische, emanzipatorische Politik kann keine Freiräume finden.

Es existieren quasi keine Möglichkeiten antifaschistischer Betätigung ohne die Drohung und Anwendung physischer Gewalt durch bekennende NationalsozialistInnen und das Wirken der Repression polizeilicher Organe, welche das Übel innerhalb antifaschistischer Strukturen vermuten. Doch würde ein offensiver Widerstand ausbleiben, so würde sich Arnstadt zunehmend zu dem verwandeln, was etwa im Falle von Städten wie Pirna niemand mehr in Frage stellen kann: ein braunes Drecknest, eine „national befreite Zone“. Dies nicht zufällig, denn „National befreite Zonen sind nicht nur die Grundvoraussetzung für das erringen der Herrschaft über die Straße, sondern auch Vorstufen zur Schaffung einer kulturellen Hegemonie und somit Teil des Kampfes um die Köpfe“, wie es im Nazisprachgebrauch heißt. Wo der wiedererstarkenden Nazibewegung nicht entgegen getreten wird, wird dieser Versuch von Erfolg geprägt sein.

Über die Ursachen der gegenwärtigen Verhältnisse in der sich selbstbezeichnenden Bachstadt lässt sich streiten; Faktoren wie eine zwanzigprozentige Erwerbslosenquote, fehlende Jugendarbeit, ein Bürgermeister der soziale Brennpunkte flächendeckend mit Videokameras überwachen lassen will und statt dessen lieber mit dem österreichischen Rechtspopulisten Haider in den Urlaub fliegt, haben gewiss ihren Anteil – doch der Grund für diese Zustände ist nicht zuletzt das Fortwesen einer über tausenddreihundert Jahre alten „urdeutschen“ Tradition, welche nichts anderes bedeutet als Reaktion pur und Aggression gegen jene, die sich nicht in das Bild des eigenen, ignoranten Provinzkollektivs einfügen. Hier schließt die Öffentlichkeit – ein Konglomerat an WendeverliererInnen, KleinbürgerInnen, WählerInnen von links bis rechts, den polizeilichen Behörden und der Presse – um der bäuerlichen Idylle willen das Bündnis mit den Nazis, indem sie sie parieren lassen.

Eine Intervention seitens der Polizei bleibt aus, obwohl doch die organisierten Gewaltakte der Nazis im Endeffekt auch ein polizeiliches Problem sind; das gesamte Thema wird marginalisiert, da eine liberale Öffentlichkeit und Presse fehlt, die sich als zivilgesellschaftliche dem Thema annehmen würde. Die organisierten Nazis dagegen können sich der stillschweigenden Zustimmung jener gewiss sein, deren Kinder in den KameradInnenkreis stoßen, oder die demnächst selbst ihr Kreuzchen bei den Nazis setzen werden – denn bereits jetzt sitzen lokale Rechtsextremisten wöchentlichen zusammen mit dem NPD-Kreisverband Rudolstadt-Saalfeld an einem Tisch und planen die Errichtung eines eigenen „NPD-Stützpunktes“ in Arnstadt. Unterdessen werden in der Regional- und Lokalpresse aus Nazischlägern perspektivlose Jugendliche und aus rechter Gewalt „normale“ Gewalt unter Jugendlichen. Der rechte Konsens, das Verleugnen und Verschweigen, ist perfekt.

Paradebeispiel für die deutsche Normalität

Arnstadt ist in diesem Sinne keine Besonderheit, keine Ausnahme. Wir wollen jedoch bewusst in dieser Stadt demonstrieren, weil die Aktivitäten von NationalsozialistInnen nicht abreißen, sich eher noch verschärfen und perspektivisch eine Eskalation rechter Gewalt droht. Das gilt ebenso für andere Gegenden, in denen Nazis mittlerweile über verhältnismäßig starke und gefestigte Strukturen verfügen. In den letzten Wochen und Monaten kulminierte die Nazigewalt erneut. Mit welcher Brutalität hiesige Rechtsextremisten vorgehen, zeigte eine Auseinandersetzung am 9. Februar 2005, als 3 Neo-Nazis einen 27 Jährigen totschlugen. Am 27. März 2005 griffen dann 40 Neo-Nazis bei einem Osterfeuer fünf linksorientierte Jugendliche an, die sie unter massiven Flaschenhagel verfolgten. Während die Opfer in ein Auto flüchten konnten, wurde das Fahrzeug von 20 Rechtsextremisten attackiert, teilweise entglast und massiv beschädigt.

Drei Tage danach gab es weiteren Attacken in Arnstadt: Etwa 20 bis 30 Neo-Nazis versuchten die Wohnung eines Antifaschisten im Stadtteil Rudisleben zu stürmen, als dies misslang zogen sie weiter. In der Nähe wurden dann zwei Jugendliche überfallen und brutal attackiert. Am Abend stürmten 35 bewaffnete Neo-Nazis einen linken Treffpunkt am Arnstädter Skaterpark. Die meisten Opfer konnten flüchten, später wurde ein Antifaschist bewusstlos und zusammengeschlagen im nahe gelegenen Stadtpark aufgefunden. Entgegen erster Meldungen waren die Täter nicht nur mit Baseballschlägern sondern auch mit Ketten und Schlagringen bewaffnet. Bereits am nächsten Tag bedrohten einschlägige Nazikader in der Innenstadt eine junge Frau mit den Worten „Gestern habt ihr Glück gehabt, heute geht es nicht so gut für euch aus“ und diverse Neo-Nazis aus dem Umfeld der „Kameradschaft Ilmkreis“ setzten ihre Bedrohungsaktionen fort, fotografierten linke Jugendliche ab und versuchten diese einzuschüchtern. Zwei Wochen danach tauchten 20-30 teilweise einschlägig bekannte Rechtsextremisten auf einer Schulfeier in Arnstadt auf, provozierten dort linksorientierte Gäste und attackierten Jugendliche, wobei eine Person im Gesicht blutig geschlagen wurde.

Parallel zu der Welle von Angriffen gab es eine Reihe weiterer rechtsextremistischer Aktivitäten. Neben teilweise flächendeckenden Aufkleberaktionen, verteilten Neo-Nazis zahlreiche Flugblätter der Kameradschaft Ilmkreis, der NPD, diversen ausländerfeindlichen Organisationen und klebten auch etliche Plakate mit geschichtsrevisionistischen Inhalten. Im Februar 2005 beteiligten sich 30-50 Neo-Nazis an einer Saalveranstaltung mit dem Rechtsterroristen Peter Naumann in Arnstadt und bereits zwei Monate später versuchten junge Rechtsextremisten und bekannte Nazikader den „Mahngang wider das Vergessen“ zu stören. Es folgten eine Vielzahl von Einschüchterungsversuchen gegenüber links denkende und antifaschistisch aktive Menschen. Am 7. Mai 2005 versuchten dann etwa 40 Neo-Nazis zu einer Kundgebung auf den Friedhof aufzumarschieren und bereits am darauf folgenden Tag war Arnstadt zentraler Treffpunkt für Rechtsextremisten aus der gesamten Region, die mit einem großen Bus zur NPD-Demonstration nach Berlin fuhren und auf dem Rückweg versuchten, in Dessau ein alternatives Jugendzentrum zu stürmen.

Längst herrschen in und um Arnstadt beängstigende Zustände, längst brauchen die sowieso wenigen antifaschistischen Zusammenhänge in dieser Region unsere Solidarität und praktische Unterstützung. Darum muss es am 23. Juli und immer und an jedem Ort in diesem Land heißen: where ever you walk – antifascist action is on!

- Gruppe Left Resistance Arnstadt [LRA] -

Mehr Informationen:

* http://www.noplacetohide.de.vu
* http://lra.antifa.net

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Verkürzt, verdreht, vergessen: linke Antisemitismuskritik http://rencontre.blogsport.de/2005/06/17/verkurzt-verdreht-vergessen-linke-antisemitismuskritik/ http://rencontre.blogsport.de/2005/06/17/verkurzt-verdreht-vergessen-linke-antisemitismuskritik/#comments Fri, 17 Jun 2005 11:56:55 +0000 Administrator kritik http://rencontre.blogsport.de/2005/06/17/verkurzt-verdreht-vergessen-linke-antisemitismuskritik/ In Reaktion auf die verbalen Ausfälle Münteferings und die wohlwollende Annahme dieser Steilvorlage ausgerechnet durch GewerkschafterInnen, verfasste Angelo Lucifero, Verdi-Funktionär und Mitglied der thüringischen Landesarbeitsgemeinschaft Antifaschismus, ein Gegentraktat unter dem Titel: „Antiamerikanismus ist die Verdrehung des Antikapitalismus“. Dieser Text soll an dieser Stelle vor allem aus einem Grund kommentiert werden: er ist ein Ansammlung der verbreitetsten (linken) Falschannahmen und Fehlschlüsse über den Antisemitismus.

„Es darf nicht akzeptiert werden, dass antiamerikanische Karikaturen, die Antisemitismus suggerieren, verbreitet werden, die Klischees aufgreifen, welche von der NSDAP als Vorwand für die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden dienten.“

Der Antisemitismus und seine auch bildlichen Darstellungsformen waren keine Vorwände – dies wären rationale Begründungen gewesen –, denn der Antisemitismus enthält einen zutiefst irrationalen Kern. Die Vernichtung der Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten lässt sich durch keine ökonomische Erwägung rechtfertigen. Zwar kamen den Volksgenossen durch geraubtes Eigentum und Arisierungen Milliardenwerte zu, dch trifft dies z.B. nicht auf das Ostjudentum zu, für dessen Deportation bis zuletzt enorme Anstrengungen unternommen wurden. Der eliminatorische Antisemitismus war eine Vernichtungsideologie; so irrational selbst, so irrational und ungreifbar stets die Fassade, nämlich die Konstruktion einer jüdischen Gefahr, einer Weltverschwörung oder dergleichen. Der einzige Vorwand bestand hierbei im hintergründigen Glücksversprechen der Volksgemeinschaft. Die NSDAP bzw. die NS-Führungsclique hatte dabei jedoch keine anderen Ziele als ihre willigen Vollstrecker im Volk. Es wurde Klartext geredet: „Juden raus“, „Tod den Juden“ – und genau das wurde praktiziert.

O.g. Zitat beinhaltet zugleich die alleinige Empörung über eine falsche Tatsache: sie kritisiert nur die Darstellungsform die, etwa in den Worten Münteferings oder den Karrikaturen der IGMetall-Zeitung, an Nazipropaganda angelehnt sei oder zumindest die Klischees des Antisemitismus stimuliere. Zwar waren entsprechende Äußerungen der letzten Wochen tatsächlich derart unverblümt, dass dieser Teil der Feststellung stimmig scheint; doch empört sich der Autor lediglich über den Grad des Antisemitismus, der sein Latenzstadium hierbei längst verließ (daher auch der Vergleich mit dem Vernichtungsantisemitismus der Nazis) – und nicht über den Antisemitismus itself, den Antisemitismus als Ideologie.

„Entgegen der landläufigen Wahrnehmung wird, wenn verschiedene Investoren und Kapitalfraktionen als Heuschrecken bezeichnet werden, kein Klassenkampf betrieben.“

Der Antikapitalismus, der mit „Heuschrecken“ als die maßgeblichen kapitalistischen Subjekte agiert, erhebt nicht einmal den Anspruch, Klassenkamf zu sein – er ist Volkstumskampf, weil seine Stoßrichtung nicht die Kritik der politischen Ökonomie ist, sondern ein Feind im Äußeren (USA) – ein übermächtiger Antipode, der Einigkeit im Inneren schließt. Richtig ist, dass damit ein ideologischer Burgfrieden geschlossen wird, auch wenn die Versöhnung von Kapital und Arbeit derlei Antrieb zumindest in Deutschland nicht mehr braucht. Ziel ist Marktprotektionismus.

Das große Aber steckt in der Geschichte dieser Argumentationsmuster: für die KPD der frühen 30′er Jahre, die ebenso ein antisemitisches Ticket bediente, waren die Gegner in typischer traditionsmarxistischer Diktion die Monopolkapitalisten, gegen die es die Nation zu verteidigen galt. Im Unterschied zu damals stellten sich jene „Antikapitalisten“ allerdings noch die Hauptfeindfrage (selbst wenn ihnen letztlich die Antwort flöten ging) und verkauften ihre Parolen durchaus als Klassenkampf. Selbst wenn von Müntefering nicht behauptet, steckt in seinen Ausrufen ein revolutionäres Pathos; revolutionär dabei im Sinne der deutschen Sozial- und Konsensdemokratie, eine – radikale – nationale Antwort auf die soziale Frage erteilen zu wollen.

„Viel eher findet die Rhetorik von Müntefering, wie auch von manchen GewerkschafterInnen, ihre Begründung in einem völkischen Antikapitalismus.“

Mitnichten – denn Antikapitalismus, der keiner ist, ist keiner. Wenn Müntefering auf den Schutz der deutschen Volkswirtschaft drängt und in seinen Ausführungen auch den armen deutschen Proleten bedenkt, kann er sich sicher sein, dass weder die deutsche Wirtschaft noch der einzelne Arbeiter oder Angestellte Wert darauf legt, über die Abschaffung der Zustände zu diskutieren. Das ist, wenn, das Ziel des Feindes, der blut- und kapitalsaugenden Heuschrecken. Das vergegenständlicht sich in den Karikaturen der IGMetall: das Opfer der „Heuschrecken“-Fabelwesen ist nicht mehr als ein hässlicher deutscher Backsteinschornstein, der „wehrlos“ ausgesaugt wird. Darin drückt sich mehr die Angst aus, der Status Quo könnte wanken und der faschistische Sozialpakt – der Einzelne setzt sich mit in seiner Funktion als Gemeinschaftsmitglied in eins mit Kapital und Nation – beschädigt werden.

Das ist nicht nur nicht antikapitalistisch, sondern zutiefst reaktionär. Der vermeintlich antikapitalistische Impetus rührt vom Massen-, eben: völkischen Charakter dessen her, was fälschlich für revolutionär gehalten wird.

„Der aktuelle Umbau, für den auch die Modelle Hartz I bis IV stehen, verprellt eben diese sozialdemokratischen WählerInnen. Um diese bei der Stange zu halten wird die populistische Karte ausgespielt.“

Der Autor hat das Problem des Antisemitismus als eine (wenn nicht die) volksgemeinschaftliche Basisideologie nicht erkannt, die im Postnazismus in ihren unzähligen Chiffren wie dem Antiamerikanismus wieder zu Tage tritt. Sofern die SPD eine „populistische Karte“ ausspielt, bedarf es einer Masse, die sie auch „annimmt“. Die (moralisierende) Kritik Luciferos besteht insofern nur darin, dass Leute wie Müntefering etwas „böses“, weil mutmaßlich populistisches aussprechen. Der Punkt ist, dass die damit vermittelten Ideologeme auch ohne sie (ob in Latenz oder nicht) vorhanden sind.

Ohne Frage ist es möglich, damit Populismus zu betreiben – aber für die Konservierung des Antisemitismus ist das nicht notwendig. Er wurde internalisiert, tritt hier und da als sekundärer auf, seltener direkt. Aber selbst vor 1933 bedurfte er einer propagandistischen Einpeitschung nicht, um die Massen in Zaum zu halten, sondern eher, um aus der nationalsozialistischen Massenbewegung den faschistischen Staat zu generieren.

„Als ließen deutsche Firmen nur irgendeine Gelegenheit zur Steigerung des Profits aus.“

Dies besagt nicht viel mehr als: es gibt auch deutsche „Heuschrecken“ – oder: erst, wenn die Deutschen vor ihrer eigenen Haustür gekehrt haben, haben sie das Recht, mit einem Maß zu messen, dass sich Müntefering und Co. jetzt schon aneignete. Lucifero bringt es letztendlich auf die trotzig-blöde Konsequenz: die, die da schimpfen, die sind gar nicht besser als der Ami.

„Wer die berechtigte Kritik an diesem menschenfeindlichen Wirtschaftssystem auf das ausländische Kapital verschiebt, schiebt Antiamerikanismus und Antisemitismus in die Mitte der Gesellschaft und arbeitet der NPD und anderen rechtsextremen Organisationen in die Hand.“

Wie schade, dass Kategorien (politisch) „gefährlich“ und „falsch“ nicht zwingend zusammenfallen. Zwar kann das in dem Falle konstatiert werden, was daran ersichtlich wird, dass die Heuschrecken-Metapher eine tatsächlich antisemitische ist; der Faschismus- bzw. Steigbügelhalter-Vorwurf bleibt aber das letzte und kläglichste Argument, das sich durch die falsche Auffassung über den Antisemitismus in Anschlag bringen lässt.

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FAZ, 14.06.05: „Antiamerikanische Illusion“ http://rencontre.blogsport.de/2005/06/15/faz-140605-antiamerikanische-illusion/ http://rencontre.blogsport.de/2005/06/15/faz-140605-antiamerikanische-illusion/#comments Wed, 15 Jun 2005 12:01:38 +0000 Administrator dokumentiert http://rencontre.blogsport.de/2005/06/15/faz-140605-antiamerikanische-illusion/ Die Anmaßung einer europäischen Nation wurde zwei Jahre alt. Dann erlag sie dem plötzlichen Tod. Geburtshelfer und Totengräber waren die Vereinigten Staaten von Amerika. Das klingt paradox – und ist es auch. Am 15. Februar 2003 demonstrierten in Europa Millionen Menschen gegen die bevorstehende amerikanische Invasion im Irak.
Junge und Alte, Reiche und Arme, Linke und Rechte gingen auf die Straße. So etwas hatte es in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht gegeben: eine wahrhafte Volksbewegung über die Grenzen der Nationen, Ideologien und Generationen hinweg, vereint in der Ablehnung eines Krieges, den die frühere Schutzmacht des Westens scheinbar ohne Not im Nahen Osten zu führen sich anschickte. Politiker erkannten den historischen Augenblick sofort und sprachen, sinngemäß oder sogar wörtlich, von der Geburtsstunde der „europäischen Nation“. Sogar zwei in Weisheit ergraute Philosophen, der Franzose Jacques Derrida und der Deutsche Jürgen Habermas, die sich noch in den neunziger Jahren herrliche Hahnenkämpfe über den Rhein um das postmoderne Erbe der europäischen Aufklärung geliefert hatten, erfuhren durch die Massenaufmärsche gemeinsam eine Art postnationalen intellektuellen Auftrieb. „Die Wiedergeburt Europas“ hieß es im Untertitel eines von Derrida und Habermas verfaßten Artikels vom Mai 2003.

Die amerikanischen Soldaten waren bei ihrem Marsch nach Bagdad zwei Monate zuvor vom historischen Erdbeben der Geburt einer europäischen Nation freilich wenig erschüttert worden. In Wahrheit hatte dieses epochale Ereignis auch gar nicht stattgefunden. Es war bloß eine Oberflächlichkeit in der entzündeten Phantasie europäischer Intellektueller und ein Versatzstück im Machtkalkül nationaler Politiker. Die den Völkern Europas von einigen Lautsprechern verkündete europäische Nation ist denn auch nach den Referenden in Frankreich und in den Niederlanden nach gerade einmal zwei Jahren geräuschlos verschieden. Die Wähler zweier Gründungsmitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaft haben mit ihrem Nein zum Verfassungsvertrag den von der politischen Elite in schönsten Bürokratenbeton gegossenen Grundstein dieser europäischen Nation kurzerhand pulverisiert.

Die Argumente, die zumal in Frankreich von der Linken und von Globalisierungsgegnern gegen die als neoliberal und mithin als zu amerikanisch oder angelsächsisch kritisierten sozialpolitischen Verfassungsbestimmungen vorgebracht wurden, stammten aus demselben Arsenal, das zwei Jahre lang dazu hatte herhalten müssen, diese neue Nation zu begründen. „Nicht mit Amerika! Nicht wie Amerika!“ – so hatte der Urschrei der von Teilen der Elite zelebrierten europäischen Nation gelautet. Mit der Polemik gegen Amerika kann man eben vieles machen, zum Beispiel für und zugleich gegen Europa sein.

Wir müssen unsere sozialen Sicherungssysteme reformieren? Aber bloß keine „amerikanischen Verhältnisse“! Wir müssen uns dem globalen Wettbewerb stellen? Aber nicht eiskalt und sozialdarwinistisch wie in Amerika! Wir müssen der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und dem internationalen Terrorismus entgegentreten? Aber nicht unilateralistisch und schießwütig wie die Amerikaner! Sollten wir angesichts unserer nationalen Identitätskrise und transzendentalen Obdachlosigkeit mehr auf die kreative und moralische Kraft unseres Volkes vertrauen und womöglich wieder glauben lernen, gar an Gott? Nur ja nicht wie die Amerikaner mit ihrem schrillen Fahnenpatriotismus und ihrem naiven Kinderglauben, der nichts anderes als eine Spielart des Fundamentalismus ist.

Sieht man von wenigen boshaften Bemerkungen etwa über „Alt-Europa“ ab, hat man in den Vereinigten Staaten erstaunlich gelassen auf die Grundsteinlegung der europäischen Nation als „Un-Amerika“ reagiert. Auch die jüngste europäische Identitäts- und Verfassungskrise nach dem Scheitern der Referenden ist von Washington nicht mit Häme bedacht worden, sondern mit dem Ruf, man wünsche sich ein starkes Europa als Partner in der Welt – sofern dieses nicht Konkurrent oder Gegenpol zu Amerika zu werden beanspruche. Die deutsche Philosophin Hannah Arendt, von den Nazis verjagt und nach Amerika geflüchtet, hat in einem Vortrag an der Universität Princeton schon vor gut 50 Jahren davor gewarnt, daß „der Antiamerikanismus ungeachtet der Tatsache, daß es sich dabei um eine leere Negation handelt, zum Inhalt einer europäischen Bewegung zu werden“ drohe. Gerade jetzt ist es hohe Zeit, davon Abschied zu nehmen.

Welches Modell der Marktwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung, die noch kaum eine Generation alt ist, besser bestehen wird, mehr wirtschaftliches Wachstum und soziale Zusammenarbeit gewährleisten kann, muß der Geschichtsverlauf erst noch zeigen. Ist es das individualistische, staatsferne Modell der Amerikaner oder das egalitäre, etatistische Modell der Kontinentaleuropäer? Triumphiert im „globalen Dorf“ Freiheit über Gleichheit/Gerechtigkeit oder umgekehrt? Die Untergangsszenarien, nach denen dem geschichts- und kulturlosen, kurz: dem primitiven Amerika der Zusammenbruch unmittelbar bevorstehe, haben sich bisher stets als falsch erwiesen. So dürfte es auch in Zukunft sein: Man unterschätze die Kraft der Vereinigten Staaten nicht. Das Wohlstandsgefälle zwischen Europa und Amerika mag in den vergangenen Jahrzehnten nivelliert worden sein. Doch der Abstand der militärischen Macht ist gewachsen – und er wird noch größer werden. Manches spricht zudem dafür, daß die gegenwärtige europäische Identitätskrise zu einer Renaissance des Nationalen, der Nationalstaaten in Europa führt. Weil es eine europäische Nation vorerst nicht geben wird, kann Europa auch nicht zum machtpolitischen oder militärischen Gegenpol Amerikas werden. Wenn Amerika sich stark genug fühlt und willens ist zu führen, spricht nichts dagegen, daß Europa und die europäischen Nationen folgen.

Matthias Rüb in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2005, Nr. 136 / Seite 1

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Das antirassistische Gewissen ehrbarer Antizionisten http://rencontre.blogsport.de/2005/06/09/das-antirassistische-gewissen-ehrbarer-antizionisten/ http://rencontre.blogsport.de/2005/06/09/das-antirassistische-gewissen-ehrbarer-antizionisten/#comments Thu, 09 Jun 2005 12:45:01 +0000 Administrator kritik http://rencontre.blogsport.de/2005/06/09/das-antirassistische-gewissen-ehrbarer-antizionisten/ Die „Antiimperialistische Koordination“ (AIK) produziert seit Jahren treu ihre Pamphlete, die sich immer wieder der Richtigkeit ihres antiimperialistischen und, nach eigenem Bekunden, antirassistischen „Kampfes“ vergewissern. Im neuesten Papier, erstellt in Zusammenarbeit mit den Berufsintifadisten des Duisburger Initiativ e.V., wird eine neues Thesenpapier zum Antisemitismus der Europäischen Beobachtungsstelle für Rassismus und Xenophobie (EUMC) abgehandelt. Der Titel: „Grundsätzliche Kritik an Israel bald offiziell illegitim?“

Für die Pirkerianer der AIK bedeutet „grundsätzliche Kritik“ aber nicht Kritik an der nationalstaatlichen Verfasstheit Israels (überhaupt tendiert der Antinationalismus eher zum Hauptfeind der AIK, die, zumindest jüngst deren italienischer Ableger, für einen „gesunden Patriotismus“ plädiert), sondern Kritik an dessen schierer Existenz. Schon die Überschrift nährt ihre paranoide bis wahnhafte Annahme, „zionistische Kreise“ wollten ihnen – die AIK muss sich furchtbar revolutionär und gefährlich vorkommen – und ihren antizionistischen Freunden von Hamas bis PDS den Mund verbieten.

Das Gerede über ein gewisses „vor kurzem bekannt gewordenes (und noch inoffizielles) Papier“ enttarnt sich schnell als Lächerlichkeit – denn erstens ist es schon seit Mitte Mai bekannt (auszugsweise dokumentiert u.a. bei Hagalil) und zweitens weder ein inoffizielles noch ein „Geheimpapier“, mit dem angebliche „zionistische Kreise“ im passenden Moment die gefürchtete „Antisemitismuskeule“ (gegen deutsche Kommunisten) schwingen wollen, um schlecht als emanzipatorisch getarnten Antisemitismus zu „tabuisieren“. Zitat:

„Die zahlreichen Ungereimtheiten des Papiers in Bezug auf die Beurteilung Israels legen letztendlich die Vermutung nahe, dass es sich bei den vielen richtigen Beispielen für antisemitische Denk- und Handlungsmuster hauptsächlich um Blendwerk handelt, das von der Ausblendung und Leugnung historischer Tatsachen in Zusammenhang mit Israel ablenken soll.“

Im Grunde schließt sich das neue Papier, das einzig und auch dem Titel nach eine „Working Definition of anti-Semitism“ darstellt, lediglich ergänzend dem EUMC-Report über antisemitische Vorfälle in Europa vom März 2004 an, welches in die Schlagzeilen geriet, da seine Veröffentlichung, obgleich von der EU in Auftrag gegeben, von selbiger zurückgehalten wurde.

An diesem Papier, das hier von der AIK „skandalisiert“ wird, ist wirklich gar nichts brisant und (für die Augen materialistischer KritikerInnen) wenig interessant. Bemerkenswert allein ist, dass es, obwohl angeblich „geheim“, längst zur realen Arbeits- und Diskussionsgrundlage europäischer Ausschüsse geworden ist. Die AIK problematisiert den Text anhand dieses Zitats:

„Die Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts des jüdischen Volkes, z.B. durch die Behauptung, der Staat Israel sei ein rassistisches Projekt.“

Allerdings handelt es sich dabei um keine generelle Feststellung, sondern eines der „Beispiele dafür, wie sich Antisemitismus gegenüber dem Staat Israel in seinem umfassenden Kontext manifestiert“. Vulgo sei (und ist) es antisemitisch, wenn die bloße Existenz des Staates Israel – als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts der Jüdinnen und Juden, die sich erst als verfolgte Gemeinschaft zum Staatsvolk deklarierten – angefochten wird mit der Behauptung, jener Staat sei rassistisch (was übrigens alles andere als eine „grundsätzliche“ Staatskritik ist). Noch mancher harte Antisemit möchte Gutmensch bleiben und ist gern Antirassist.

Die AIK führt weiter aus: „…sowohl Theorie als auch Praxis zeigen die schlichte historische und gegenwärtige Falschheit der im Papier implizierten Leugnung der rassistischen Staatsgrundlage Israels.“ Als Belege dafür aufgeführt werden einige ausgewählte Zitate Herzls, die „Trennung“ (womit die deutsche AIK-Sparte sich noch mäßigt; AIK-Erklärungen in anderen Sprachen sprechen von „faschistischer Selektion“) israelischer und palästinensischer Bevölkerung und die Errichtung der sog. „Apartheidsmauer“. Neben der Selektivität diverser Zitate lässt der Autor außen vor, dass seine palästinensischen Seelenverwandten etwas anderes im Sinn haben, als eine „multikulturelle Gesellschaft“, wenn sie „ganz Israel“ fordern; nämlich eine regressive islamo-antisemitischen Mehrheitsgesellschaft, in denen allen Israelis als Minderheit der Tod im Namen Allahs droht.

Abgesehen davon scheiterte die Zweistaatenlösung niemals an der Ablehnung Israels (auch nicht aktuell) und die sog. „Apartheidsmauer“ (die eigentlich ein Zaun ist) hat bis dato scheinbar eine reale Wirkung erzielt – weniger Märtyrer kommen zu sich selbst, kommen zum Selbst- und Judenmord. Die AIK baut aber auf ihre Multikulti-Vision: „Ein legitimes jüdisches Selbstbestimmungsrecht im Nahen Osten kann es nur in einem gemeinsamen, demokratischen Staat aller dort lebenden Menschen geben.“

Wenn die AIK zum Schluss noch in Anschlag bringt, dass „für die Definition von Rassismus und Antisemitismus bzw. Antirassismus und Anti-Antisemitismus keine einheitlichen Kriterien angewandt werden“, ärgert sie sich nur darüber, dass sie als nicht bestimmen darf, wer Jude ist und wer nicht. Dass das so ist zeugt – na klar, denn in jedem schlechten Krimi gibt es richtig fiese Bösewichte – für die europäische „Komplizenschaft mit den USA“.

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In eigener Sache http://rencontre.blogsport.de/2005/06/09/in-eigener-sache/ http://rencontre.blogsport.de/2005/06/09/in-eigener-sache/#comments Thu, 09 Jun 2005 09:26:24 +0000 Administrator allgemein http://rencontre.blogsport.de/2005/06/09/in-eigener-sache/ Dies ist kein privates Weblog, sondern die Website der im Aufbau befindlichen Gruppe rencontre aus Leipzig; eine adäquate Selbstdarstellung folgt zu gegebener Zeit. An dieser Stelle sollen künftig und in loser Folge Texte veröffentlicht und sonstige Beiträge der Gruppe dokumentiert werden. Mehr Informationen demnächst.

Für den Kommunismus!

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